36 unsinnige Glaubenssätze – Wie man blöde Sprüche entlarvt

Im Laufe des Lebens schnappt man einige Sprüche auf, die bei Licht betrachtet in sich selbst widersprüchlich sind. Wie man sie entlarvt, erfährst Du hier.

Zugegeben, viele der folgenden Aussagen habe ich früher auch geglaubt und häufig unhinterfragt selbst nachgeplappert. Viele scheinen ja auch – zumindest oberflächlich betrachtet – Sinn zu ergeben.

Andererseits sind manche dieser Aussagen so absurd, dass wir sie im praktischen Leben nicht befolgen und so mit unserem Handeln schon zeigen, dass an ihnen offensichtlich etwas falsch ist. Und dennoch wiederholen wir viele dieser Ideen, ob in den folgenden oder auch in anderen Formulierungen, immer und immer wieder.

Während meines Studierens bin ich auf eine Methode gestoßen, mit der man kinderleicht die Widersprüchlichkeit von einzelnen Aussagen, aber teilweise auch von ganzen Philosophien und Glaubenssystemen, offensichtlich machen kann. Die Methode geht voraussetzungsbezogen vor. Man prüft einfach, ob eine Behauptung oder ganze Argumentationsketten den eigenen Voraussetzungen standhalten. Am einfachsten funktioniert das, wenn man die Grundaussage eines Spruches oder einer ganzen Philosophie auf sich selbst anwendet. Diese Art der Kritik ist eine interne Überprüfung. Wendet man sie gezielt und mit den richtigen Fragestellungen an, kann sie dazu führen, dass ganze Weltanschauungen in sich selbst kollabieren.

Nur, wenn wir auch unsere tiefsten Überzeugungen kritisch hinterfragen, können wir uns von unseren falschen Glaubenssätzen befreien!

Lass uns diese Methode einmal auf einige widersprüchliche und dennoch häufig getätigte Äußerungen anwenden.

1. Alles ist relativ und Ansichtssache!

Ist diese Aussage auch relativ? Dann ist die Aussage nämlich nicht bindend. Somit wäre diese Aussage falsch. Denn wäre sie wahr, wäre die Aussage selbst absolut und somit bindend.

2. Es gibt keine absolute Wahrheit!

Ist das absolut wahr?

3. Man kann nichts (mit Sicherheit) wissen!

Weißt Du das (mit Sicherheit)?

4. Unser Denken bestimmt unsere Realität!

Ist die Realität dieser Aussage durch Dein Denken bestimmt? Wenn ja, dann ist sie nicht universell wahr. Oder willst Du sagen, dass Du Solipsist bist?

5. Du denkst zu sehr in Schubladen!

Steckst Du mich gerade in die Schubladen-Schublade?

6. Man muss sein Gleichgewicht finden. Extrempositionen sind schlecht. Die goldene Mitte ist gut.

Ist das nicht extrem mittig? Sollte man nicht auch eine Abweichung von der goldenen Mitte akzeptieren (zum Beispiel eine Extremposition)? Wir wollen ja nicht zu extrem denken und andere Positionen verbieten!

7. Ich halte mich aus allem raus!

Respekt vor Deiner Neutralität! Aber ist die Neutralität nicht auch eine Position, die man einnimmt? Schließlich nimmst Du sie ja ein. Somit hast Du in der Debatte, ob man sich raushalten oder Partei ergreifen soll, Partei ergriffen – für die Neutralität. Du kannst Dich also nicht aus ALLEM raushalten!

8. Ich glaube an nichts!

Glaubst Du, dass Du an nichts glaubst?

9. Die Theorie ist grau. Auf die Praxis kommt es an!

Schöne Theorie, die Du da aufgestellt hast! Somit bist Du an der Praxis der eigenen Aussage gescheitert. Du solltest es nicht nur behaupten sondern leben.

10. Man sollte niemanden für seinen Lebensstil verurteilen!

Verurteilst Du gerade die notorischen Verurteiler für ihren verurteilenden Lebensstil?

11. Alle Meinungen und Ansichten sind gleichwertig!

Ist auch meine Meinung dann gleichwertig und genauso wahr? Oder gibt es gleichwertige und gleichwertigere Ansichten? Denn meine Überzeugung ist: „Nicht alle Meinungen und Ansichten sind gleichwertig.“ Somit widerspricht sich Deine Aussage!

12. Du sollst niemanden Deine Ansichten aufdrängen!

Drängst Du mir hier gerade diese Ansicht auf?

13. Ich lehne Dogmen ab!

Ist das Dein Dogma, dass Du Dogmen ablehnst, oder bist Du hier offen für Korrektur? Ansonsten wärst Du in dieser Sache ja sehr dogmatisch!

14. Es gibt kein Richtig oder Falsch!

Ist diese Aussage richtig oder falsch?

15. Worte sind nur Hülsen! Alles Schall und Rauch…

Sind diese Worte auch nur Hülsen – transportiert durch Schallwellen (bzw. hier durch Schriftzeichen)? Oder sollte ich sie in ihrer Bedeutung ernst nehmen?

16. Echte Wissenschaft braucht keine Philosophie!

Ist das Deine Wissenschaftsphilosophie?

17. Wir müssen alle unsere Bedürfnisse und Wünsche loslassen! (siehe auch: Buddhismus)

Ist es Dein Bedürfnis oder Wunsch, alle Bedürfnisse loslassen zu können? Oder ist es Dein Wunsch, alle Bedürfnisse loslassen zu wollen?

18. Alles ist eins (siehe auch: fernöstliche Philosophie)!

Wer tätigt diese Aussage? Du oder ich? Und wieso kann ich dann gleichzeitig die Aussage tätigen: „Wir sind nicht alle eins“?

19. Alles ist nur eine Illusion (unseres Gehirns)!

Ist dann diese Aussage auch nur eine Illusion oder sollte ich sie ernst nehmen?

20. Das Leben hat keinen Sinn, denn alles ist sinnlos!

Hat dann diese Aussage überhaupt einen Sinn? Oder sollte ich sie nicht ernst nehmen?

21. Es gibt keine Regeln – alles ist erlaubt!

Ist das Deine Regel fürs Leben?

22. Worte können alles aussagen, je nachdem was man ihnen für eine Bedeutung gibt!

Kann ich Deinen Worten die Bedeutung geben, dass Worte nicht alles aussagen können und dass sie mehr oder weniger sprachlichen Konventionen und voll und ganz der Aussageabsicht des Autors dieser Worte unterliegen?

23. Jede Herrschaft ist schlecht!

Darf die Wahrheit der Aussage herrschen, dass jede Herrschaft schlecht sei?

24. Was für Dich wahr ist, ist nicht wahr für mich!

Was ist, wenn ich Dir zustimme? Das tue ich natürlich nicht, aber nehmen wir es einmal an. Dann würde ich ja zustimmen, dass für Dich nicht wahr ist, was für mich wahr ist. Aber dann würde dies ja bedeuten, dass Deine eigene Aussage für Dich nicht wahr ist. Somit wäre Deine Behauptung aus dem Weg geräumt und wir wären uns einig, dass es eine universelle Wahrheit gibt.

25. Ich glaube nur, was ich sehen oder anfassen kann!

Kannst Du den Kern dieser Aussage sehen oder anfassen?

26. Alle Aussagen über das Absolute sind reine Spekulation. Niemand kann etwas darüber wissen!

Ist diese das Absolute betreffende Aussage dann nicht auch reine Spekulation oder weißt Du, dass man nichts über das Absolute wissen kann?

27. Gott ist unbeschreiblich und undefinierbar!

Hast Du nicht gerade eine vermeintliche Eigenschaft von Gott beschrieben? Ist es Deine vollständige Definition von Gott, dass Gott nicht zu definieren ist?

28. Keine Wahrheit ist unveränderlich, denn keine Meinung ist unkorrigierbar!

Ist es eine unveränderliche Wahrheit, dass keine Meinung korrigierbar ist? Ich darf Dich doch sicherlich in dieser Meinung korrigieren, oder hat sich die Wahrheit Deiner Aussage zwischenzeitlich verändert?

29. Logik ist eine menschliche Erfindung. Es gibt keine festen Gesetze der Logik!

Also gibt es feste Gesetze der Logik, da der Satz vom Widerspruch nicht mehr gilt?

30. Ich glaube nur an die Gesetze der Logik!

Ist dieser Glaubenssatz einer der logischen Gesetze? Oder glaubst Du selbst nicht dran?

31. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß!

Ist das nicht sehr schwarz-weiß gedacht?

32. Ich bezweifle alles, denn man muss alles hinterfragen!

Hast Du diese Aussage auch schon einmal angezweifelt? Wenn ja, wie hast Du dann die Wahrheit dieser Aussage evaluiert? Denn jeden Standard, den Du zur Evaluierung ansetzen könntest, bezweifelst Du ja. Sobald man den Skeptizismus hinterfragt, fällt er in sich zusammen, da er keinen festen Grund hat.

33. Außerhalb von mathematischen Gleichungen können wir nichts mit absoluter Sicherheit wissen!

Wo ist die mathematische Gleichung, mit der Du diese Aussage beweist?

34. Die wissenschaftliche Methode ist die beste (und einzige) Methode um Wahrheit herauszufinden!

Welches wissenschaftliche Experiment hat Dich zu dieser Schlussfolgerung gebracht?

35. Alles Wissen stammt aus der Erfahrung! (siehe: Immanuel Kant)

Hast Du die Wahrheit dieser Aussage erfahren? Wenn ja, dann hast Du wohl alles Wissen. In einem anderen Artikel habe ich bereits über meine Empirismus-Kritik geschrieben.

36. Verallgemeinerungen sind schlecht!

Hast Du gerade verallgemeinernd alle Verallgemeinerungen als schlecht bezeichnet?

Kennst Du noch weitere widersprüchliche Statements, die immer wieder geäußert werden? Oder bist Du mit meiner radikalen Abservierung mancher Aussagen unzufrieden und möchtest für diese Partei ergreifen? Dann schreib doch einfach Deine Stellungnahme unten in den Kommentarbereich. Ich freue mich auf Deine Kritik!

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2 Antworten

  1. Wilhelm sagt:

    Guten Tag, ich war sehr entzückt, als ich diese Auflistung der Unsinnigen Glaubenssätze gelesen habe. Ich habe dem nichts hinzuzufügen, aber es gab ein paar Stellen, die ich nicht verstanden habe. Daher würde ich dich bitten, mir diese ausführlicher zu erklären, und am besten mit Beispielen. Es handelt sich hierbei um Glaubenssatz Nummer 4, 8, 29, 31.

    Liebe Grüße

    • Dennis sagt:

      Hallo Wilhelm,

      freut mich, dass sie Dir gefallen hat.

      Zu Deinen Fragen:

      4. Diese Aussage hat so ein bisschen was Konstruktivistisches. Wenn unser denken wirklich die Welt um uns herum formt, dann muss unser individuelles Denken auch für diese Aussage, dass “unser Denken unsere Realität bestimmt”, verantwortlich sein. Damit ist die Aussage aber nicht mehr universell gültig und auch nur ein Konstrukt unseres Denkens. In Deinem Denken mag sie stimmen, in meinem Denken vielleicht nicht. Daher ist die Aussage relativ, aber absolut gesehen nicht gültig. Aber selbst wenn sie relativ gesehen z.B. für Dein Denken stimmt, dann erhebt sie dennoch einen universalen Wahrheitsanspruch, da sie ja die Metaebene, nämlich Dein Denken, bewertet. Wie kann sie dies aber, wo sie doch nur ein Produkt desselbigen ist?
      Ich hoffe es wurde nun deutlicher, was ich damit gemeint habe. Wenn nicht, frag einfach nochmal nach.

      8. Wenn jemand behauptet, an nichts zu glauben, behauptet er damit auch, nicht an diese Aussage zu glauben. Er hält diese Aussage somit für unwahr. Somit glaubt er doch an etwas (und wenn es nur ist, dass er diese eine Aussage für unwahr hält). Wie auch immer, er glaubt offensichtlich etwas oder nimmt die Aussage an sich zurück. Wenn er sie zurücknimmt, dann war’s das mit der Aussage und die Diskussion wäre beendet. Wenn er sie nicht zurücknimmt, dann widerspricht er sich, denn er glaubt ja an etwas, und zwar, dass diese Aussage entweder stimmt oder nicht stimmt 😉 Grund ist: Jeder Mensch glaubt. Und selbst wenn er etwas weiß, dann glaubt er es ja auch. Was wir wissen, das glauben wir auch gleichzeitig. Somit würde die Aussage sogar alles wissen unmöglich machen. Damit wäre aber auch das Wissen darüber, ob die Aussage stimmt, ebenfalls dahin.

      29. Wenn jemand die Gesetze der Logik in ihrer absoluten Gültigkeit verleugnet oder auch nur relativiert, dann macht er dies auch mit dem Satz vom Widerspruch, welcher ja zur Logik gehört. Dieser besagt, dass sich Aussagen nicht widersprechen dürfen. A ist nicht gleich Nicht-A. Da aber dieser 29. Glaubenssatz die Logik relativiert, habe ich mal ganz frech mit einer unlogischen Aussage geantwortet bzw. mit einer Aussage, die diesem Glaubenssatz widerspricht. Da ja das Gesetz vom Widerspruch laut Glaubenssatz angeblich nicht universell gilt, habe ich ja jedes Recht dazu. Wer die Logik aufgibt, gibt jedes sinnvolle Argumentieren auf, also argumentiere ich sinnlos. Muss der Mensch, der solche absurden Glaubenssätze vertritt mit klar kommen 😉 Wir lernen also: Wenn Logik nicht gilt, dann gilt Logik! Und wenn Logik gilt, dann gilt Logik auch. Also gilt Logik immer 🙂

      31. Diese Aussage ist etwas ähnlich. Wenn man Schwarz und Weiß als Gegensätze betrachtet, dann darf nichts dazwischen zugelassen werden laut Logik (Satz vom ausgeschlossenem Dritten / Tertium non datur). Jemand der sagt, dass die Welt eben nicht nur Schwarz und Weiß ist, ist damit aber auch sehr exklusiv in seiner Aussage. Er scheint die Logik vorauszusetzen und auch das Gesetz vom ausgeschlossenem Dritten. Somit pflegt er ja auch ein Schwarz-Weiß-Denken:
      Schwarz: Die Welt ist nur Schwarz-Weiß!
      Weiß: Die Welt ist nicht nur Schwarz-Weiß!
      Also auch nur 2 Optionen. Was anderes darf er auch nicht zulassen, möchte er logisch bleiben. Somit denkt er auch sehr binär. Sehr schwarz-weiß eben! Und es ist ja auch nichts Verwerfliches daran! Denn die Welt ist nun einmal schwarz oder weiß. Entweder-oder. Ja/Nein. A/Nicht-A. 0/1. These/Anti-These. Alle vermeintlichen Grautöne sind auch nur eine Mixtur aus Schwarz und Weiß. Oder man begeht einen Kategorienfehler, dann kann es auch etwas dazwischen geben. Aber das ist dann ja nicht tatsächlich eine 3. Option, sondern dem Kategorienfehler geschuldet. Da hilft auch kein Hegel mit seiner “Synthese”. Da halte ich es mit den Wise Guys:
      “Ein Mann mit Namen Hegel,
      das war ein rechter Flegel:
      der konnte etwas meinen
      und es gleichzeitig verneinen.
      Er widersprach sich ständig.
      Das fand man wohl sehr wendig,
      und man nannte diese Hektik
      hochtrabend ‘Dialektik’.”

      Liebe Grüße,
      Dennis

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