Survivorship Bias – Wie wir uns von Erfolg blenden lassen

Nicht nur die Geschichte wird bekanntlich von den Gewinnern geschrieben, sondern auch jeder Business-Ratgeber. Warum wir uns von den Erfolgreichen nicht blenden lassen sollten:

Fußballstar werden oder vielleicht lieber Popstar oder gar Topmodell – das ist der Traum von vielen Jugendlichen. Es scheint ja dann doch recht realistisch zu sein, immerhin waren die Jungs aus der Nationalelf auch einmal alle das einfache Nachbarskind vom Bolzplatz. Keiner von ihnen hat seine Fußballkünste von den Eltern geerbt. Alles haben sie selbst erreicht. „Klar, man muss viel trainieren. Aber wenn Götze – und wie die Halbgötter von heute alle heißen – es geschafft hat, wieso dann nicht auch ich?“ So haben sicherlich auch viele von uns als Kind gedacht. Heute sind wir erwachsen. Heute sind wir schlauer. Heute wissen wir, dass Mario Götze nur einer von Millionen Kindern auf den tausenden Rasen der Republik war, der es letztlich geschafft hat.

Aber auch wir Erwachsenen haben unsere Götzen und Gurus. Seien es Speaker wie Anthony Robbins, Gründer-Legenden wie Elon Musk oder erfolgreiche Selfmade-Milliardäre wie Richard Branson. Verstehe mich bitte nicht falsch. Alle diese Personen haben viel auf dem Kasten und man kann sicher viel von ihnen lernen. Doch rechtfertigt ihr Erfolg alles? Um es klarzustellen, ich bin für mich persönlich absolut davon überzeugt, dass man alles erreichen kann, wenn man den richtigen Glauben besitzt. Ich bin ein großer Verfechter von harter aber auch smarter Arbeit. Bestimmte Strategien und Verhaltensweisen gehören sicherlich zu jedem Erfolg dazu. Und sicherlich gibt es auch noch unzählige kleinere Details, die einen Erfolg sowohl im Business als auch im Privaten begünstigen, ja vielleicht sogar dafür nötig sind. Dennoch möchte ich einmal darauf hinweisen, dass wir trotzdem nicht auf jeden x-beliebigen Gewinnertyp hören sollten. Der Erfolg gibt nämlich nicht immer Recht!

“Survival of the fittest”? Oder doch eher: “Death of the weakest”?

Wir verfallen oft dem sogenannten „Survivorship Bias“. Dieser besagt, dass wir nur die wenigen Erfolgreichen sehen, die quasi „überlebt“ haben und nicht die große Masse an Gescheiterten. Diese mögen aber alles genauso gemacht haben, wie die Gewinner. Sie haben vielleicht dieselbe Business-Strategie gehabt, wie unser Guru. Möglicherweise waren diese „Verlierer“ sogar die Mentoren unserer Idole und haben ihnen ihre Verhaltensweisen beigebracht, die sie heute als Speaker oder YouTube-Stars mit größter Überzeugung propagieren. Man sieht die Gescheiterten eben nicht und deshalb hat man keine Kontrollgruppe für den Erfolg einer Methode.

Vielleicht ist es nicht der Glaubenssatz X, der den Erfolg ausmacht. Möglicherweise ist es auch das Nicht-Vorhandensein des Glaubenssatz Y, der überhaupt vor dem Scheitern bewahrt. Vielleicht ist es nicht mein Durcharbeiten von Nächten, das mein Unternehmen zum Erfolg führt, sondern vielmehr die tägliche Dosis Sport meinerseits. Oder vielleicht ist das eigentliche Erfolgsrezept auch ganz banal: Manche Leute haben eben Glück und die passenden guten Kontakte, andere hingegen Pech und schädliche Schicksalsschläge. Klar, dies würden die meisten Erfolg-Coaches da draußen verneinen, denn sie sind wahrhaftig überzeugt von ihren Ratschlägen. Und ja, vielleicht haben sie auch Recht. Aber vielleicht eben auch nicht. Man weiß es nicht. Und wir werden es vermutlich auch nie wissen, wie das Alternativ-Universum ausgesehen hätte.

Mal ein ganz anderer Ansatz: Sparen wir uns doch einmal das Geld für das nächst-anstehende hochpreisige Speaker-Event und geben es einem Obdachlosen, setzen uns zu ihm und lassen uns von ihm zwei Stunden seine Lebensgeschichte erzählen. Das kann mitunter auch sehr wertvoll sein!

Aber mein Speaker hat doch so gute Referenzen!

Viele Redner, Coaches und Autoren werben natürlich mit ihren Errungenschaften: dem Erfolg ihrer Klienten. Das ist ja auch in Ordnung und wer will es ihnen verübeln? Ich gehe hier auch einfach mal von der Ehrlichkeit solcher Leute aus. Allerdings tritt auch hier der Effekt des Survivorship Bias zutage. Denn nur die kleine oder große Anzahl von Klienten, die jeweils mit den angepriesenen Methoden und Strategien ihres Lieblings tatsächlich Erfolg haben, sind auch bereit sich weiteres Material von ihm zu holen. Alle anderen werden sich über kurz oder lang von ihm abwenden und ihn vergessen. Wer bleibt hier also im Durchschnitt übrig für mögliche Referenzen? Immer solche, bei denen das Produkt auch einen Effekt zu haben scheinte und die daher sowieso gut gestimmt sind. Demnach fällt dann natürlich auch das Feedback aus.

Eine üble Geschäftsidee auf Grundlage des Survivorship Bias

Nehmen wir an, ein Investment-Berater hat 10.000 E-Mail-Adressen. Der einen Gruppe von 5.000 E-Mail-Adressen schreibt er, dass der DAX diese Woche steigt, den anderen 5.000, dass der DAX diese Woche fallen wird. Nehmen wir weiterhin an, dass der DAX in dieser Woche tatsächlich steigt. Die 5.000 Leute, die seine Prognose für den Fall des DAX erhalten haben, werden sich nun enttäuscht abwenden. Die anderen 5.000 werden gerne weitere Empfehlungen des Beraters lesen. In der nächsten Woche schreibt er also wieder seine Prognosen an die verbliebenen 5.000. Diesmal wieder an die eine Hälfte, dass der DAX fällt, an die andere, dass er steigt. Dieses ganze Spielchen wiederholt er abermals für ein paar Wochen. Am Ende hat er zwar nur noch 10 Leute, die auf seine E-Mail achten, aber diese werden ihm dafür alles aus der Hand fressen! Diesen 10 Opfern, die nun absolut von seiner Kompetenz überzeugt sind, da er schließlich in den vergangenen Wochen für sie immer richtig zu liegen schien, verkauft er nun einen „ganz heißen Tipp“ für eine Stange Geld. Und alle 10 werden diese kaufen. Der Berater kassiert das Geld ein. Ob seine E-Mail-Abonnenten Erfolg haben werden, interessiert ihn nicht mehr.

Nun könnte man sagen, dass dieses betrügerische Geschäftsmodell nicht nachhaltig ist. Bedenkt man aber, dass diese immer überzeugter werdenden 50% bestimmt auch noch ein oder zwei Bekannte für diesen Investment-Berater begeistern werden, so lässt sich das System noch eine ganze Weile lukrativ aufrechterhalten.

Eine Geschichte über die Entdeckung des Survivorship Bias

Im Zweiten Weltkrieg haben englische Ingenieure aus der Schlacht kommende Flugzeuge auf deren Einschusslöcher hin studiert. Dabei fiel ihnen auf, dass bestimmte Stellen sehr häufig getroffen werden. Ihre vermeintlich schlaue Lösung war, dass sie die Panzerung an diesen Stellen verstärkten. Der Erfolg blieb aber aus. Es kamen keine höhere Prozentquote an Flugzeugen zurück als bisher. Der Mathematiker Abraham Wald fand schließlich heraus, dass man mehr Erfolg hat, wenn man genau diese Stellen besser panzert, die keine Einschusslöcher haben. Denn alle zurückkehrenden Flieger waren ja eher als Belege dafür anzusehen, dass ihre vorzuweisenden Einschusslöcher nicht problematisch sind. Treffer an den anderen Stellen hingegen waren offensichtlich fatal. Deswegen kamen diejenigen Maschinen mit solchen Treffern ja gar nicht erst zurück!

Man kann also aus dem Survivorship Bias lernen, dass man für Erfolg in allen Bereichen zunächst einmal die „tödlichen“ Schwächen ausfindig machen sollte, um sie zu beheben. Danach erst wird es überhaupt relevant, ob man auch die richtigen Erfolgsstrategien anwendet. Wir sollten uns daher davon befreien, blind jedem Guru nachzufolgen.

Hast Du Ideen, wie man diese unsichtbaren „Verlierer“ findet? Aus welchen Fehlern anderer konntest Du bereits lernen um selbst „Gewinner“ zu werden? Schreibe Deine Anregungen doch gerne unten in die Kommentare!

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3 Antworten

  1. Dennis sagt:

    Danke für diesen Artikel. – Da ich gegenwärtig das Gefühl habe an zu vielen wichtigen Dingen nicht beteiligt zu sein oder hinterher zu hinken, war mir gerade der Schlusssatz eine kleine Offenbarung.

    Der Handel mit Kryptowährungen zum Beispiel interessiert mich sehr, aber fordert von mir ein Nervenkostüm welches ich nicht habe. Zeitgleich befinde ich mich in einer ReHa um meinen Rücken wieder fit zu bekommen (ich bin bloß 15 Tage älter als du, Dennis).

    Meine Top1-Priorität ist meine Gesundheit, davon bin ich fest überzeugt, aber manchmal überkommen mich Zukunftsängste, Unsicherheit, Zweifel ob ich der “modernen Welt” überhaupt gewachsen bin.

    Dein Blog ist sehr informativ und ich danke Dir für jeden einzelnen Beitrag. Ich würde gerne mal länger mit Dir real diskutieren. Ich habe die Vermutung, dass mir das richtig gut tun würde.

    🙂

    (Nicht wundern, ich heiße auch Dennis..)^^’

  2. Ben sagt:

    Moin, mon … lass mich Dir zuerst für das Deinen Blog und das Geschriebene danken. Für die Tipps, Anregungen und für Deine Ansichten.

    Ich antworte Dir, da ich möchte, dass Deine Arbeit unterstützt wird und, weil ich das von Dir Geschilderte live erlebt habe.

    Ich bin etwas reifer in Jahren. Banker, Broker, Händler von Derivaten, CFD; OS, Digitalen Währungen und im Bereich Software, Online Marketing und automatisierte Sales Funnel zu Hause.

    Ich hatte mich mit 22 Jahren selbständig gemacht, 1992. Habe jetzt mehr als 26 Jahre Erfahrung im Vertrieb und in dieser Zeit mehr als 500.000 Verkaufsgespräche mit Unternehmern geführt….

    Ich schreibe dieses, damit meine Hintergründe und die Sicht auf die Dinge etwas verständlicher sind.

    Früher war ich getrieben von dem Wunsch viel Geld zu besitzen. Etwas zu haben und jemand zu sein. Der normale Antrieb. Mehr, mehr …größer und besser. Also tat ich.

    Mit 30 J. hatte ich mein erstes Haus. Verdiente 5 Stellig und war ein Arsch. Meine Beziehung zerbrach und ich verlor mein Haus und meinen Sohn, der gerade geboren wurde. Ich fiel in ein großes emotionales Loch und habe 4 Jahre damit verbracht zu reflektieren warum, wieso und wie mache ich es in Zukunft anders und besser?

    Meine Erfahrungen daraus waren. Wir verändern uns erst durch Verlust oder durch Schmerz. Wenn es gut läuft gibt es keinen Grund etwas zu verändern.

    Aber nichts passiert ohne Grund. Das Leben ist ein ausgeglichenes Prinzip und bassiert auf Geben und Nehmen. Ich glaube an das Gesetz der Anziehung und das alles einen Grund hat.

    Ich kürze es ab … Jahre vergingen und ich wollte wieder nach vorne. Also tat ich mehr als früher, schonte mich wenig und sagte mir. Ich habe die Energie, also weiter … denke an Deine Ziele… Es ging mir besser, ich erholte mich und hatte mit 40 J mein zweites Haus.

    Allerdings war ich jetzt körperlich platt und ausgebrannt….Mir war alles zu viel… ich ließ mich gehen, gab das Haus ab und nahm mir eine Auszeit von mehreren Jahren, um wieder einen Sinn in meinem Leben zu finden und, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

    Ich gab alles ab. Haus, Auto, Garten, den Job. Alles. Ich hatte nichts mehr …aber ich fühlte mich wohl. Glücklicher. Keine Verantwortung. ich war frei, veränderte mein Leben und nahm mir die Zeit für mich und, um zu reflektieren….was ist wirklich wichtig im Leben?

    Mein Sohn ist wichtig. Meine Familie ist wichtig. Freunde sind wichtig, die Gesundheit ist super wichtig… alles andere sind nur Dinge, die man möchte, dass wir sie haben. Meine Erkenntnis daraus war, dass wir so gezüchtet werden. Leben, konsumieren, sterben.

    Es ist nicht gewollt, dass es Dir gut geht. Dass man zufrieden und entspannt ist. Du sollst konsumieren…. mehr…mehr…mehr…

    Es ist schwierig eine ausgeglichene Work Life Balance zu haben…

    Ein weiser Mann (Jose Mujica) sagte mal:

    “Wir haben Berge von überflüssigem Bedarf angehäuft. Ständig müssen wir kaufen, wegwerfen, kaufen. Es ist unser Leben, das wir verschwenden. Denn, wenn wir etwas kaufen, bezahlen wir nicht mit Geld. Wir bezahlen mit unserer Lebenszeit, die wir aufwenden mussten, um dieses Geld zu verdienen. Der Unterschied ist: Leben lässt sich nicht kaufen! Es vergeht einfach. Und es ist schrecklich Dein Leben zu verschwenden, indem Du Deine Freiheit verlierst!”

    Wir sind alle gehetzt. Getrieben durch das Umfeld. Die Werbung – unser System. Es tut uns nicht gut. Menschlich, körperlich und seelisch. Hier hat kaum jemand seine Mitte. Alle müssen etwas tun. Erreichbar sein und haben Termine….

    Achtsamkeit und Entschleunigung ist das Zauberwort. Den Moment schätzen. Das hier und jetzt und bewusst LEBEN. Was Du auch geschrieben hast in Deiner Flaggentheorie. Dort leben wo man sich wohl fühlt. Das tun, was einem Spass macht und anderen dabei helfen ein erfülltes Leben zu führen… Raus aus diesem Hamsterrad.

    Es ist meine wichtigste Aufgabe … meinen Sohn den Stein der Erkenntnis mitzugeben und ihm die Freiheiten zu zeigen, die ein Digitaler Nomade hat…. wir leben nur einmal…. in diesem Sinne lebt Euren Traum …. Ben

    • Dennis sagt:

      Danke Ben für Deinen ausführlichen Kommentar. Das ermutigt mich unglaublich. Es ist immer gut zu hören, dass meine Texte ankommen und nicht umsonst geschrieben wurde 🙂 Teile gerne meinen Blog mit Deinem Sohn. Wichtiger noch, als das Leben bewusst zu leben, finde ich die Mission, die man im Leben hat. Denn wenn ich zwar Freiheit und Achtsamkeit habe, dann mag ich mein Leben zwar nicht im unnützen Malochen verschwendet haben, aber vergeudete Zeit ist es trotzdem, wenn man stattdessen nur in der Hängematte baumelt. Ich sehe meine Freiheit als Mittel zum Zweck. Vielleicht wäre das auch mal ein Artikel wert: Der Sinn des Lebens 😀

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