Du wirst Deinen Augen nicht (mehr) trauen – 8 Fragen an den Empirismus

Ich glaub, ich seh nicht recht!

Ich glaub, ich seh’ nicht recht!

Du glaubst nur, was Du mit eigenen Augen gesehen hast? Warum das ein blinder Glaube ist, erfährst Du in diesem Artikel.

Es ist eine Selbstverständlichkeit. Wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Von klein auf lernen wir diesen Sinnen Vertrauen zu schenken. Doch ist dieses Vertrauen berechtigt? Oder sollten wir uns nicht auch einmal die Freiheit nehmen, den gesunden Menschenverstand zu hinterfragen und solche vermeintlich alltäglichen Dinge wie unsere Wahrnehmung anzuzweifeln? Geistige Freiheit erfordert nämlich auch, dass wir nicht alles abnicken, sondern uns auch einmal mit zunächst abstrus erscheinenden Themen auseinandersetzen. Urteilen und uns über die praktischen Konsequenzen Gedanken machen, können wir danach immer noch und dann sogar viel besser.

Im Folgenden habe ich einmal meine Zweifel und Gründe zusammengetragen, warum ich mich nicht mehr auf meine Sinne verlasse. Auch wenn ich hierbei hauptsächlich auf unsere visuelle Sinneswahrnehmung eingehe, sind die Argumente aber auch auf alle anderen menschlichen, tierischen oder maschinellen Wahrnehmungskanäle bzw. Sensoren übertragbar.

1. Funktionieren meine Augen richtig?

Ich als Brillenträger weiß, dass unsere Sinnesorgane nicht immer korrekt funktionieren. Ist dies jedoch so, woher kann ich dann zu irgendeiner Zeit wissen, ob meine Augen gerade richtig funktionieren und ich das richtige sehe?

2. Wer entscheidet, was richtig ist?

Was ist überhaupt richtiges Sehen? Oft widersprechen sich ja Leute in dem, was sie vermeintlich oder tatsächlich wahrnehmen. Ist die Welt wirklich bunt oder haben nicht vielleicht die Farbenblinden recht und Farben existieren gar nicht? Ich meine, vielleicht bin ich ja in Wirklichkeit der Sehbehinderte und Farben sind nur eine Illusion. Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht, da Farben an sich ja nicht in materieller Hinsicht existieren, sondern nur unterschiedliche Wellenlängen des Lichtes sind. Erst in unserem Gehirn wird das ganze farblich interpretiert.

3. Stimmt meine Interpretation?

Sagen wir einmal, dass unsere Augen physikalisch perfekt funktionieren. So bleibt immer noch eine Frage: Selbst wenn meine Sinneseindrücke korrekt sind, stimmt dann meine Wahrnehmung? Vielleicht ist die Farbe, die ich als blau wahrnehme bei jemand anderen wie meine rötliche Wahrnehmung. Und vielleicht ist sein Rot wie bei mir das Grün. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass unsere Augen funktionieren und alle äußeren Umstände objektiv arbeiten, so ist unser Bewusstsein weiterhin subjektiv. Und alles was nur subjektiv ist, kann auch falsch liegen. Ich kann mich daher nicht auf meine bewusste Wahrnehmung verlassen, denn sie ist erst einmal nur eine Interpretation meines Gehirns.

4. Stimmt meine Bewertung?

Nehmen wir einmal an, dass ich perfekt sehe und alles auch perfekt wahrnehme und mein Hirn alles korrekt interpretiert. So habe ich immer noch nur eine Beschreibung der Wirklichkeit, leider jedoch noch keine Erklärung für die selbige. Selbst wenn also ein gestochen scharfes Bild in meinem Bewusstsein ankommt, wenn ich aus dem Fenster auf die Straße schaue, so sehe ich erstmal nur farbige Flächen. Genau wie bei den Bildern einer hochauflösenden Kamera, wenn man sie am PC anschaut und tief in das Bild reinzoomt. Es besteht letztlich nur aus Pixeln – also farbigen Flecken. Doch Farbflecken sagen nichts aus. Ich brauche eine Idee, was die Flecken bedeuten. Ich brauche ein Bewertungsschema, wie ich diese Flecken einzuordnen habe. Ich weiß ohne vorher vorhandene Konzepte nicht, welcher Farbfleck beispielsweise einem Auto entspricht und welcher dem Beton der Straße. Auch habe ich noch keine räumliche Wahrnehmung ohne weitere Verarbeitung in meinem Kopf. Auch abstrakte Dinge wie Kausalitäten oder Zahlen kann ich aus Farben alleine noch nicht erkennen. So weiß ich weder, ob ich ein oder drei Autos sehe, noch, ob das Umspringen der Ampel auf Rot ursächlich ist für das Bremsen der Autos. Ich meine, ich sehe zwar drei Autos und auf dem Bild sind auch wirklich drei Autos vorhanden. Aber die Farben sagen mir erst einmal nichts über die Anzahl der Autos. Ich muss schon selbst zählen. Und um zu zählen, muss ich vorher zählen gelernt haben und Zahlen kennen.

Unsere Sinneseindrücke können also letztlich Daten ans Gehirn liefern, wie sie wollen. Ohne korrekte vorgefertigte Konzepte in unserem Geist, sind diese Eindrücke alle wertlos. Wer garantiert mir, dass die Konzepte in meinem Kopf alle stimmen? Vielleicht bin ich ja auch irre oder komplett geisteskrank. Manch einer, der das hier liest, wird auch schon solch eine Vermutung über meinen Geisteszustand angestellt haben.

5. Wie wird kalibriert?

Manch einer mag entgegnen: “Im Zeitalter der modernen Technologie werden ja ohnehin viele subjektive Bewertungen von viel objektiver arbeitenden Maschinen abgenommen!” Und auch hier stellt sich die Frage: Funktionieren diese korrekt? Und vor allem: Wie prüft man dies? Selbst wenn ich zum Beispiel das beste Abstandsmessgerät habe, das mit neuester Lasertechnologie arbeitet und aus den besten Stoffen angefertigt wurde und sich somit nicht verformen kann. Wie kalibriere ich es dann zu Beginn? Wie stelle ich es so ein, dass es die richtigen Abstände liefert? Welchen Maßstab nutze ich hierfür? Und mit welchem Gerät prüfe ich alles? Und überhaupt, wie eiche ich denn das Prüfgerät? Und wer eicht das Gerät für wiederum dessen Eichung?

6. Was ist gesunder Menschenverstand?

“Aber der gesunde Menschenverstand zeigt doch, dass wir uns auf unsere Augen verlassen können!” Ist das so? Was ist am Menschenverstand gesund und wer definiert hier, was krank ist? Vielleicht liegt ja auch die Mehrheit falsch und die Spinner haben recht. Nicht, dass ich sagen möchte, dass die Spinner recht hätten, doch wer weiß? Außerdem gibt es keinen wirklichen gesunden Menschenverstand. Jeder Mensch definiert ihn anders – meist nach seiner wahrgenommenen Normalität.

7. Was ist die Normalität?

“Doch normalerweise können wir ja unseren Augen vertrauen!” Ist das so? Was ist denn die Normalität? Die Mehrheit der Fälle? Das ist ja hier gerade die Frage! Ist diese angebliche Mehrheit der Fälle, in denen wir unseren Augen vertrauen können, vorhanden? Oder können wir unseren Augen aus den bisher genannten Gründen überhaupt nie vertrauen und nehmen nur an, dass die Augen in den meisten Fällen funktionieren? Und selbst wenn wir tatsächlich in der Vergangenheit in der Mehrheit der Fälle oder fürs Argument gerne auch in allen Fällen unseren Augen vertrauen konnten, so folgt daraus rein gar nichts. Die Empirie basiert auf der logisch irrigen Annahme, dass wenn Dinge oft passieren, dass sie dann immer wieder passieren. Dies ist die Methode der Induktion. Wenn ich nicht alle bekannten und unbekannten Fälle einer Sache untersucht habe und zu einer sogenannten vollständigen Induktion gelange, funktioniert eine induktive Beweisführung nicht. Nur weil früher etwas immer so war – und selbst das ist eine unbewiesene Annahme, da wir nicht alle früheren Fälle kennen – folgt daraus nicht, dass es auch in Zukunft so bleibt. Im Falle unseres Auges heißt das: Auch wenn ich mich in der Vergangenheit zu hundert Prozent auf mein Auge verlassen konnte, kann es schon morgen unzuverlässig werden.

Des Weiteren lässt sich unvollständige Induktion wiederum nur mit induktiven Argumenten untermauern. Bloß setzt das ja schon die induktive Methode als tauglich voraus, was wir hier aber erst belegen möchten.

Man könnte auch sagen: “Nur unter bestimmten Umständen kann man seinen Augen vertrauen!” Nur was sind diese Umstände und wie finde ich sie heraus? Benutze ich hierfür wieder meine Sinne, dann setze ich wieder nur das voraus, was ich beweisen möchte. Und wenn ich das mache, dann Ende ich im sogenannten Petitio principii, einer unzulässigen Form des Zirkelschlusses. Dies verletzt dann den Satz vom zureichenden Grund und ist somit unlogisch.

8. Werde ich getäuscht?

Vielleicht werde ich ja zudem noch getäuscht oder ich täusche mich selbst. Wie kann ich wissen, ob bestimmte Sinneseindrücke nicht eigentlich nur meine Erinnerung oder gar eine Neuschöpfung meiner Fantasie sind? Du sagst: “Ich habe die Augen doch offen und deswegen sind die Bilder in meinem Kopf auch real.” Aber das ist ja gerade die Frage! Woher weiß ich, ob meine Bilder direkt von den Augen aufgenommen wurden oder meiner Imagination entspringen? Vielleicht stehe ich ja auch unter Drogen, habe Halluzinationen, lebe in der Matrix oder träume einfach. Und selbst wenn ich einen Test durchführe, der mir Hinweise darauf geben könnte, dass ich wach bin, so kann die Wach-Realität und Traum-Realität immer noch vertauscht sein. Vielleicht ist ja die wahre Realität, die Welt, die ich erlebe, wenn ich im Bett liege und träume. Und das hier ist die eigentliche Illusion.

Und nun?

Schön rumphilosophiert, oder? Aber was hat das für Konsequenzen? Wenn wir wirklich ehrlich sind (und lasst uns wirlich ehrlich sein!) und meine Fragen in diesem Artikel berechtigt sind, dann dreht es unsere Welt auf den Kopf. Zum Beispiel: Da alle Naturwissenschaften auf Empirie beruhen, und diese wiederum auf gesammelten Sinneseindrücken, fallen diese Wissenschaften wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wir können in Zukunft keinem Ergebnis der Physik, Chemie oder Biologie mehr trauen. Auch statistische Erhebungen in anderen Wissenschaften wie beispielsweise der Soziologie oder Psychologie werden damit hinfällig. Alle empirischen Forschungen haben dem zufolge ab sofort nicht nur bloß einen vorläufigen Wahrheitsgehalt, sondern gar keinen Wahrheitsgehalt mehr! Was nun? Wissenschaft funktioniert doch. Das haben wir gerade in den letzten Jahrhunderten sehr deutlich erfahren. Doch auch hier setzt die Empirismus-Kritik an. Was heißt erfahren? Mit welchen Sinneswahrnehmungen haben wir den wissenschaftlichen Fortschritt wahrgenommen und können wir uns auf diese Sinne noch verlassen? Vielleicht funktioniert die Technologie nicht aufgrund, sondern trotz unserer Wahrnehmungen und Ideen über die Realität. Vielleicht ist ja alles nur ein Traum oder wir leben in der Matrix. Wer weiß? Wie heißt das bekannte skeptische Sprichwort: “Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.” Ich füge dem hinzu: “Und traue keiner Sache, die Du selbst gesehen hast!”

Konnte ich Dich verwirren oder vertraust Du Deinen Augen immer noch? Wenn ja, dann teile doch Deine Gründe mit uns und schreibe unten einen Kommentar!

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.